Montag, 8. August 2016

Pantanal – ein Tag im Boot

Jetzt erst recht! Aber bei diesen Kosten? Nein, noch so eine Bootsmiete können wir uns leisten. Also suchen wir für morgen Alternativen. Nach 20 Minuten Wanderung durch Pantanalstaub kommen wir zum Campingplatz und sind froh, dass wir im Hotelareal auf einem Stück Beton zwischen dem Rasen untergekommen sind: Der Regenzeitschlamm hat sich auch hier in Trockenzeitstaub verwandelt, obwohl der Stellplatz direkt am Flussufer ansonsten recht nett wäre...
Andere allein reisende Touristen finden wir leider auch hier nicht (zu unserer Verwunderung – es ist ja beste Jaguar-Zeit hier!), also müssen wir ein Boot alleine finanzieren.
Hier am Campingplatz werden wir fündig: Ein kleineres Motorboot mit 25 PS, nach Verhandlung von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gebucht, um rund 200 Euro. Ein Viertel der P und halber Preis – ein guter Deal? Egal, der Jaguar lockt und wir schlagen ein.
Wieder ist die sternenklare Nacht (wie in den Anden!) saukalt und die erste Stunde im Boot sitzen wir in der Daunenjacke. Außer dem tollen Sonnenaufgang, Ufergebüsch, schnelleren Motorbooten, ein paar Bäumen am Ufer und einigen Vögeln gibt es nichts zu sehen...
Wir tuckern ziemlich entspannt aber mit wachsamen Augen dahin, als unser Bootsführer einen Funkspruch abfängt. Die 25 PS erwachen zu Leben und wir sausen los – Jaguar gesichtet. Wieder sind schon einige Boote da. Abgesehen von der Raubkatze, die diesmal wesentlich besser im Morgenlicht posiert, können wir die Hackordnung der Boote beobachten. Die großen silbernen Boote – sie gehören zu den sündteuren schwimmenden Hotels – stehen ganz vorne. Die vielen Boote des teuren Pantanal Norte Hotels stehen dahinter. Und wir und ein paar andere mit den schwachen Motoren, wir sind die Letztgereihten... Ausnahme: wer ein Tier entdeckt, der darf ganz vorne stehen!
Der Jaguar zeigt ein wenig von seiner Geschmeidigkeit indem er mehrmals die Position ändert, freundlicherweise kommt er sogar in die Sonne. Herunter zum Wasser getraut er sich angesichts der Bootsmassen dann doch nicht... So verschwindet er im Dickicht und auch die anderen Boote versuchen anderswo ihr Glück. Wir haben es als einziger Ganztagsausflug gar nicht eilig. Wir bleiben vor Anker (dieser ist übrigens eine alte Kurbelwelle...), ich lege ein Nickerchen ein und wir hoffen, dass der Jaguar sich nochmals zeigt. Leider Fehlanzeige...
   
Nach einer Stunde Warten starten wir den stinkenden Außenborder - der Nachteil des Halbpreisdeals :-) - wir passieren einen wenig schüchternen Iguna und es dauert nicht lange und Gaby hat ein Erfolgserlebnis: auf einem sonnigen Ufergestrüpp hat es sich eine Anaconda gemütlich gemacht. Unser Adlerauge hat die Schlange natürlich als Erste erspäht!
Die armdicke Riesenschlange misst vielleicht drei Meter – ist also noch ein Jungtier. Es gibt sehr seltene Begegnungen mit bis zu 10m langen Anacondas! Ein paar andere Boote kommen heran, bleiben aber allesamt hinter uns. Die Schlange scheint der Trubel überhaupt nicht zu stören. Schließlich wird es der Riesenschlange wohl zu heiß, sie verabschiedet sich ins Wasser.
In einigen Nebenarmen des breiten Flusslaufes haben sich wieder viele Kaimane in der warmen Sonne breit gemacht, wir machen es uns auf einer Kaiman-freien Sandbank im Schatten für eine kleine Mittagspause bequem – denn komfortabel und schattig ist es auf dem Motorboot überhaupt nicht...
Sprit aus dem Reservetank müssen wir extra zahlen, das war ausgemacht. Scheitern könnte es aber daran, dass unser Kapitän keinen Trichter an Bord hat. Mit unserer Plastikwasserflasche basteln wir Ersatz, die Weiterfahrt ist gerettet!
Und das zahlt sich aus!
Wieder stehen schon ein paar Boote da, zu sehen gibt es aber genau – nix. Abwarten und warmes Wasser trinken. Es bewegt sich der Busch, oder doch etwas im Busch? Auf einer Lichtung entdecke ich ein grasendes Wasserschwein und nehme es ins Visier. In diesem Moment ein lauter Warnschrei und der Riesennager springt mit einem gewaltigen Satz ins Wasser, gleich daneben eine zweite Fontäne. Sekunden später bricht ein sichtlich enttäuschter Jaguar aus dem Dickicht hervor, beschnüffelt die Umgebung und trottet weiter. Eine Zeitlang lassen wir uns mit dem Raubtier parallel treiben, es verschwindet im dichten Grün, taucht auf, scheint jagen zu wollen, findet aber kein Opfer...
Und nach einigen Minuten ist das Kätzchen endgültig aus dem Blickfeld verschwunden. Na, das war schon recht interessant!
Und es ist erst mittlerer Nachmittag, da kann ja noch einige passieren. Eine Gruppe Riesenottern kommt uns in die Quere. Da ist immer etwas los – entweder sie jagen und fressen oder sie scheinen sich gegenseitig zu ärgern, bei diesem Zeitvertreib sind die gerade. Tauchen hier ab, klettern dort auf einen Ast im Wasser, sprinten die Uferböschung hinauf, Kehrtwende, Sprint ins Wasser, und so fort.
Gegen Abend entdecken wir noch das Gegenteil eines mächtigen Räubers. Der sichtlich gezeichnete Jaguar liegt erschöpft unter dem dichten Buschwerk. Das linke Ohr fehlt und auf der Nase klafft eine offene, blutrote Wunde. Offenbar hat er auch ein Auge verloren. War dies im Revierkampf oder hat er sich an einen zu aufmerksamen Kaiman gewagt...?
Der Sonnenuntergang naht und vorbei an ein paar Uferbäumen, die hunderten Kormoranen als Nachtplatz dienen, geht es flußabwärts zum Camp. Ein ausgefüllter Tag liegt hinter uns, und wir sind richtig erschöpft vom Suchen und Beobachten, vom Motorlärm und dauernden Vibrationen sowie den Abgasen einer schlecht eingestellten Maschine.